Als Vorbereitung auf ROCK DREAMS könnt ihr hier den Protagonisten, Tom Born, kennenlernen.
Ich wünsche euch viel Vergnügen beim Lesen – und wenn ihr wissen wollt, wie es mit Tom, Dave und „The Cry“ weitergeht, könnt ihr hier alle Infos über meinen Debütroman finden, inklusive Links zum Taschenbuch und zum E-Book.
Wie alle wollte Dave zum Konzert und war schon einen Tag früher angereist, hatte sein Zelt aufgeschlagen und saß jetzt am Meer, lauschte den Wellen und sog den Geruch nach Tang und Ozean ein.
Er hörte eine Stimme, die ihm merkwürdig bekannt vorkam, dunkel, rauchig, aber er konnte die Stimme nicht sofort zuordnen. Stattdessen ein Fremder, weißes Tanktop mit einem fünf cm großen Riss über blauen Shorts, Sonnenbrille in der Hand, barfuß, der auf ihn zuging.
War das nicht …? Dave war überrascht. Thomas Born ging geradewegs auf ihn zu, der Leadsänger der Band. Er schwankte, fluchte leise, suchte Halt im heißen Sand und versuchte gleichzeitig, den spitzeren Steinen zu entgehen, aber er war es, unverkennbar. Schon wie er sich immer wieder die braunen Locken aus dem Gesicht strich. Dave hatte die Geste in den Konzerten unzählige Male gesehen. Daves Blick folgte ihm, er schien wirklich auf ihn zuzusteuern. Bonn sah schlank aus, beinahe schlaksig, kaum Muskeln. Durch die nach vorn gezogenen Schultern wirkte er verletzlich, aber das konnte nicht sein. In der Hand hielt er eine Packung Zigaretten.
„Hast du Feuer?“
Dave stand auf und stellte fest, dass sie wohl gleich groß waren, also in etwa einen Meter zweiundachtzig. Jetzt, wo er so dicht vor ihm stand, sah er auch die tiefen, dunklen Augenringe um die braunen Augen. Er gab ihm Feuer und half ihm, die Zigarette gegen den Wind abzuschirmen. Dabei berührten sich ihre Hände, die von Born waren schlanker, schmaler, knochiger als seine eigenen.
Die Zigarette brannte, und für einen Augenblick schauten sie sich in die Augen. Und da sah Dave die Tränen in seinen Augen. „Geht es dir gut?“ entfuhr es ihm unwillkürlich.
Aber Bonn drehte sich um, setzte seine Sonnenbrille auf und ging wieder in Richtung Strand, die Shorts schlackerten um seine Beine und das Shirt war auch schon weißer gewesen. Dave blickte ihm nach, so hatte er ihn sich nicht vorgestellt.
Eine Böe blies direkt von vorn, und Dave sah, wie sich Borns Körper unter dem Hemd deutlich abzeichnete, mager, dünn. Die mühselig sortierten Haare wurden alle wieder durcheinandergewirbelt. Und da war sie, die dunkelbraune, unordentliche Lockenmähne und die so oft gesehene Geste, das Zurückstreichen der Haare, um sich zu konzentrieren.
Am Strand angekommen, ging der Sänger langsam an der Grenzlinie zwischen Wasser und Land entlang. Es war etwas Behutsames, Langsames, beinahe Verhaltenes in seinem Gang. Spielte er mit den Wellen? Dave musste lächeln, als er sah, wie trotzdem jede größere Welle Bonn überraschte, seine nackten Füße überspülte und der ganze Kerl zusammenzuckt – es waren eben nur 17°C.
Überhaupt, lange konnte er noch nicht hier an der Küste sein: seine Arme und Beine waren doch noch sehr weiß, ein ziemlicher Kontrast zu seinen dunkelblauen Shorts; der Nacken sogar schon etwas rot. Dann blieb Born stehen, wandte sich breitbeinig dem Meer zu. Dave konnte sein markantes Kinn sehen, die ganze Person war angespannt, konzentriert und sah doch einsam aus. Nein es sah aus, als ob er etwas hinter dem Horizont suchen würde!
Born stemmte die Arme in die Seite, der Nachmittagswind frischte jetzt auf. Das Shirt flatterte wie ein Segel, die Haare wurden nicht mehr gebändigt und die Wellen wurden größer, ab und zu wurde jetzt auch mehr als nur seine Knöchel nass.
War das ein Wettkampf?
Eine der größeren Wellen stieß mit der zurückflutenden Vorgängerwelle zusammen und es gab Spritzer, die sich nach oben aufbauten. Naja, mehr als nur Spritzer, Born war jedenfalls klatschnass, von den Haaren über das Shirt bis zur Hose.
Wenn es ein Wettkampf gewesen war, hatte er wohl gerade verloren. Born blieb noch einen Augenblick stehen, überrascht, dann ging er drei Schritte rückwärts und fing an zu lachen. Der Wind ließ etwas nach, und so war das leise Lachen gut hörbar, dass sich langsam steigerte, nicht aufhören wollte. Dave sah, wie sich Born leicht nach vorne beugte und immer lauter lachte.
Dann drehte er sich um, zog sein Shirt aus und warf es Freunden zu. Dave sah erst da, dass er nicht allein am Strand war. Da lag fast die halbe Band. Born gestikulierte etwas und jemand warf ihm einen Ball zu.
Born begann mit dem Fußball zu spielen, ließ ihn auf seinen Füssen, dem Knie und dem nassen Sand prallen. Er war dabei nicht ungeschickt, aber den nassen Sand auch nicht gewohnt. Dave schaute ihm fasziniert zu. Der Oberkörper, der vorher unter dem Hemd zu ahnen war, zeichnete sich klar gegen den blauen Himmel ab, war deutlich zu sehen und gar nicht so dünn, wie er vermutet hatte. Er würde ihn jetzt eher als drahtig, sehnig beschreiben. Dazu der schlanke Hals mit dem deutlich sichtbaren Kehlkopf – aber während er beim Singen immer den Kopf leicht anhob, war sein Blick hier fest auf den Ball fixiert.
Dave bemerkte plötzlich noch einen Farbtupfer am Handgelenk, den er bisher übersehen hatte. Es hieß, Bonn würde sich von dem roten Band um sein Handgelenk nie trennen, es erinnere ihn an einen Freund. Bei Konzerten war er immer zu weit weg gewesen, um es zu sehen.
Dave musterte Born nochmal von oben bis unten, die wehende Mähne, mit der der Wind spielte, der freie, sehnige Oberkörper mit dem einen Farbspritzer, die zu dünnen Beine in den Shorts und die nackten Füße, eigentlich zu zerbrechlich für den Künstler auf der Bühne. Aber bei der Konzentration, mit der er den Ball in der Luft zu halten versuchte, konnte man ahnen, dass mehr in ihm steckt.
Dave senkte den Blick: wie musste es sein, immer derart in der Öffentlichkeit zu stehen, immer beobachtet und bewertet zu werden?
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