Nach Rock Dreams schreiben mir Leute und fragen, welches Instrument ich spiele. Ob ich in einer Band war. Wie lange ich in der Szene unterwegs bin. Die Antwort überrascht sie: Ich habe nie ein Instrument gelernt.
Was ich stattdessen gemacht habe? Stundenlang mit Bands geredet. Nicht über Technik oder Equipment. Über den Alltag. Wie es sich anfühlt, nach einem beschissenen Gig ins Hotel zu kommen. Was man sich irgendwann nicht mehr sagen kann. Wann man merkt, dass die Band auseinanderfällt, lange bevor jemand das Wort ausspricht.
Und ich habe zugehört, was Musiker auf Social Media erzählen. Die Stories vom Tourbus, die offenen Posts über Burnout, die vermeintlich authentischen Einblicke. Das ist nicht gelogen. Aber es ist schon eine Geschichte – gefiltert, mit Schwerpunkten, mit einem Narrativ. Das nehme ich nicht als Fakten. Ich verstehe, was sie bedeuten wollen, welche Emotion dahintersteht.
Dann hatte ich einen Freund als ersten Leser. Jemand, der selbst in Bands gespielt hat, der die Szene kennt. Bei jeder Szene habe ich gefragt: Ist das im Kontext einer Band möglich? Seine Antwort war meistens: Das ist viel harmloser als die Realität. Die Momente, bei denen ich dachte, ich wäre zu weit gegangen, waren für ihn alltäglich. Das hat mir gezeigt, dass meine Sorge nicht war, zu dramatisch zu sein – sondern oft zu zahm.
Am Ende habe ich meine eigene Geschichte geschrieben. Nicht seine. Toms Geschichte ist nicht die eines echten Musikers, den ich interviewt habe. Sie ist die Essenz aus all dem – aber gefiltert durch die Frage: Was fühlt sich wahr an, nicht: Was ist technisch korrekt?
Das ist das Frustrierende an Recherche: Sie gibt dir Material, aber keine Geschichte. Du kannst mir erklären, wie man einen Amp verkabelt, wie Booking funktioniert, welche In-Ear-Systeme welche Bands nutzen. Alles wichtig. Aber die Szene, in der Tom auf der Bühne steht mit einem Halsband, das er nicht öffnen kann – die braucht nicht die Details des Soundchecks. Sie braucht das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Und das verstehe ich nicht, weil ich Musiker bin, sondern weil ich verstehe, wie Verwundbarkeit funktioniert.
Leser glauben mir die Musikszene nicht, weil ich technisch akkurat bin. Sie glauben mir, weil die emotionale Mechanik stimmt. Weil Tom wie ein echter Mensch reagiert, nicht wie eine recherchierte Figur.
Die Grenze ist trotzdem da. Ich habe nicht über Tourtechnik geschrieben. Ich habe über einen Menschen geschrieben, der zufällig Musiker ist. Der Unterschied ist entscheidend. Hätte ich versucht, ein Buch über das Musikgeschäft zu schreiben, wäre ich gescheitert. Aber ein Buch über Macht, Scheitern und Sehnsucht in der Musikszene – das geht. Weil die Szene nur der Rahmen ist, nicht das Thema.
Ob das ehrlich ist? Ich weiß es nicht. Manchmal fühlt es sich an wie Hochstapelei. Dann lese ich eine Mail von jemandem, der seit zwanzig Jahren in Bands spielt und sagt, ich hätte es getroffen. Vielleicht ist das die eigentliche Lektion: Echte Glaubwürdigkeit kommt nicht aus Expertise. Sie kommt aus der Bereitschaft, zuzuhören – und dann etwas Eigenes daraus zu bauen, das sich wahrer anfühlt als jede akkurate Wiedergabe.
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