Ein junger Mann, der alles richtig macht. Training, Disziplin, Ergebnisse. Sein Vater hat ihn dahin gebracht. Sein Klub braucht ihn. Seine Freundin wartet.
Und irgendwann stellt sich die Frage, die er sich nie gestellt hat: Was will er eigentlich selbst?
„Jonas Keller“ wird mein zweiter Roman. Er erzählt von einem Handballspieler, der ins Ausland wechselt und dort zum ersten Mal merkt, dass Funktionieren und Leben nicht dasselbe sind.
Hier findet ihr eine erste Leseprobe:
In der Straßenbahn (II)
Die Straßenbahn fährt an, gleichmäßig, ohne Ruck. Jonas steht nahe der Tür, eine Hand an der Stange, die andere an der Tasche. Er hat sich so hingestellt, dass er niemanden berührt und zu allen etwas Abstand hat. Routiniert gleicht er die Bewegung des Wagens aus.
Ihm gegenüber sitzt eine Frau mit einem Kinderwagen, daneben ein Mann, der sein Handy schräg hält und liest. Weiter vorn lehnt jemand am Fenster. Jonas nimmt das alles wahr, ohne genauer hinzusehen. Die Bahn bremst, die Türen öffnen sich, kalte Luft strömt herein. Zwei Leute steigen aus, drei ein. Jonas tritt einen halben Schritt zur Seite, lässt Platz, stellt sich wieder hin. Seine Schultern bleiben locker. Als der Wagen wieder anzieht, greift er die Stange etwas höher.
Das Handy vibriert in seiner Jackentasche. Er nimmt es heraus, sieht Sarahs Namen und meldet sich.
„Hey Sarah. Wie geht’s?“
„Gut. Hast du einen Moment?“
„Ja“, sagt er. „Ich bin in der Tram.“ Er schaut nach draußen. Häuser ziehen vorbei, Werbung, dann eine Kreuzung mit wartenden Autos.
„Ich wollte hören, wie’s bei dir läuft“, sagt Sarah.
„Ganz normal“, antwortet er. „Viel Training.“
„Klar.“
Er sieht sie vor sich, wie sie die Augen verdreht, und schmunzelt kurz. Ein Mann drängt sich an ihm vorbei, Jonas zieht den Ellbogen ein, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen. „Und bei dir?“, fragt er.
„Die Klausurenphase hat wieder begonnen.“
„Stressig?“
„Geht so, du kennst mich.“ Die Straßenbahn hält wieder. Türen öffnen sich, schließen sich wieder. Jonas bleibt stehen.
„Wir haben uns jetzt länger nicht gesehen“, sagt Sarah.
„Ja, ich weiß.“
„Findest du das okay?“
Er überlegt kurz. „Im Moment ja. Es geht nicht anders.“
„Mhmm.“
„Ich meine“, sagt er, „es ist ja nicht für immer.“
„Nein“, sagt sie. „Aber im Moment eben schon.“
Jonas sagt nichts. Die Bahn fährt an. Er hört das Summen der Schienen, Stimmen, ein Husten.
„Ich hab manchmal das Gefühl, du bist gar nicht richtig da“, sagt Sarah.
„Ich bin da“, sagt er.
„Du bist erreichbar. Das ist was anderes.“
Jonas lehnt sich leicht gegen die Stange. „Was erwartest du?“, fragt er.
„Dass du mir sagst, was du willst.“
Er schaut auf sein Spiegelbild im Fenster, mehr auf die Bewegung dahinter als auf sich selbst. „Ich will, dass es funktioniert“, sagt er.
„Wie?“
„Mehr kann ich gerade nicht“, sagt er. „Das Training fordert mich ziemlich.“
„Das weiß ich“, sagt Sarah. „Aber ich weiß nicht, worauf ich warten soll.“
Jonas schweigt, die Bahn verlangsamt die Fahrt. „Ich will keinen Streit …“, versucht er vorsichtig. Sein Blick geht kurz zur Haltestellenanzeige. Die nächste Station ist sein Ziel.
„Ich auch nicht.“
„Aber lass uns morgen das Wochenende planen“, bietet er Sarah an. „Ich hab nur ein Spiel im Nachbarort. Wenn du willst, kannst du kommen.“
Sarah lacht kurz, freudlos. „Jonas!“, sagt sie.
„Ja?“
„Ich muss auch lernen.“
Die Bahn hält. Jonas verlagert das Gewicht nach vorn. „Dann melde ich mich nach dem Spiel“, sagt er.
„Okay.“
Er legt auf, steckt das Handy weg und steigt aus. Die Türen schließen sich hinter ihm. Er bleibt kurz stehen, dann geht er zur Trainingshalle.
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