Es gibt Figuren, die man erfindet. Und es gibt Figuren, die man findet – irgendwo zwischen einer Beobachtung, einer Frage und dem eigenen Unbehagen. Jonas Keller gehört zur zweiten Sorte. Er ist die Hauptfigur eines Romans, an dem ich gerade schreibe – und dieser Post ist der Versuch zu erklären, wie er entstanden ist.
Jonas ist Profihandballer, Mitte zwanzig, gut in dem, was er tut. Er funktioniert. Das ist das richtige Wort dafür, und es ist kein Kompliment. Er steht morgens auf, frühstückt, hört seinem Vater zu, der gleichzeitig sein Trainer ist, nickt an den richtigen Stellen, sagt die richtigen Dinge. Er ist nicht unglücklich. Er rebelliert nicht. Er macht einfach weiter.
Und genau das hat mich interessiert. Während der Handball-EM gab es einige Reportagen über Handballer und wie strikt sie in ihre Abläufe eingebunden sind. Und dann war da einer, der einen ungewöhnlichen Karriere-Move gemacht hat.
Wir kennen die Geschichten von Figuren, die ausbrechen. Die Tür schlagen, alles hinwerfen, neu anfangen. Das hat erzählerische Wucht, keine Frage – Heldengeschichten funktionieren immer. Aber was ist mit dem anderen Typ von Mensch – dem, der nicht ausreißt, sondern eines Morgens eine stille Entscheidung trifft, die alle anderen vor vollendete Tatsachen stellt? Ohne Drama. Ohne Erklärung. Einfach: so.
Jonas bewirbt sich heimlich bei einem ausländischen Klub. Er bekommt die Zusage. Er öffnet den Brief allein in seinem Zimmer, setzt sich auf die Bettkante, liest acht Seiten Vertrag – zweisprachig, Deutsch und Französisch – und sagt niemandem etwas. Nicht weil er feige ist. Sondern weil er in diesem Moment zum ersten Mal in seinem Leben eine Entscheidung trifft, die nur ihm gehört.
Das ist der Ausgangspunkt von Jonas Suche. Nicht die große Geste, sondern der kleine Moment, in dem jemand aufhört, auf die Erlaubnis anderer zu warten.
Was Jonas sucht, lässt sich schwer in einem Satz sagen – und das ist Absicht. Er weiß es selbst nicht genau. Er sucht nicht nach Freiheit im abstrakten Sinn. Er sucht auch nicht nach sich selbst, zumindest nicht auf die Art, wie das in Büchern meistens beschrieben ist. Was er sucht, ist eher eine Antwort auf eine Frage, die er sich so nie gestellt hat, weil er nie den Raum hatte, sie zu stellen: Wer bin ich, wenn ich nicht funktioniere?
Im neuen Klub trifft er auf Menschen, die ihm diese Frage – ohne es zu wissen – auch stellen. Einen Rivalen, der genauso ehrgeizig ist wie er, der aber ein Leben außerhalb des Spielfelds hat und es genießt. Einen Musiker, mit dem Jonas zum ersten Mal Zeit verbringt, ohne dass diese Zeit einem Zweck dient. Kein Training, kein Taktikgespräch, keine Erwartung. Einfach: gemeinsame Zeit. Das klingt nach wenig. Für Jonas ist es enorm.
Ich merke beim Schreiben, dass ich Jonas manchmal mehr verstehe, als mir lieb ist. Nicht, weil ich selbst Profihandballer war oder einen Vater hatte, der mir taktische Anweisungen zum Frühstück servierte, sondern weil ich das Gefühl kenne, das er verkörpert: das Funktionieren als Lebensform. Die Kunst, so gut zu werden in dem, was andere von einem erwarten, dass man darüber vergisst zu fragen, was man selbst will.
Schreiben hilft mir, solchen Fragen nachzugehen – mit Abstand. Jonas darf Dinge ausprobieren, scheitern, falsche Antworten finden, wo mir der Mut fehlt. Er ist keine Autobiografie. Aber er ist auch keine reine Konstruktion. Irgendwo dazwischen entsteht eine Figur, die sich – wenn es gut läuft – wie ein echter Mensch anfühlt.
Der Roman stellt am Ende eine einfache, schwere Frage: nicht, ob Jonas gut genug ist als Spieler, sondern ob er ein guter Mensch ist, ob er mit seinem Leben zufrieden ist. Die Antwort, die er findet, ist wahrscheinlich nicht ja.
Nächstes Mal schreibe ich über eine Szene, die nicht funktioniert hat – und was mir das über Jonas gezeigt hat. Wer den Entstehungsprozess weiter verfolgen möchte, kann sich für meinen Newsletter anmelden.
Das ist der Moment, für den ich schreibe.
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